diub - Dipl.-Ing. Uwe Barth
 

Schneeflocken

eine Kurzgeschichte von

Uwe Barth

Leise leise

Leise fielen immer weitere Schneeflocken herab, landeten sanft überall dort, wo sie einen Patz fanden. Scheinbar bevorzugten sie in diesem Augenblick die Windschutzscheibe seines Wagens, denn für einen Moment sah gar nichts mehr außer Grau. Das zwang ihn, sich auf das Steuer und die Straße zu konzentrieren. Dann war die Sicht wieder frei und die tanzenden Flocken wählten andere Flächen die ihnen eher zusagen mochten.

Gleich darauf glitten seine Gedanken wieder einige Zeit zurück zu seinen Erlebnissen am frühen Morgen und dann noch weiter, zu dem Moment da er an diesem Tage aufwachte. Er runzelte unbewusst leicht die Stirn, denn ein nicht unerheblicher Teil von ihm fand die Vorgänge dieses Tages doch recht befremdlich. Angefangen hatte es um Mitternacht. Er rätselte immer noch, was ihn denn eigentlich geweckt hatte. Heute war der 24te Dezember, Heiligabend. Das Büro war bis ins neue Jahr hinein geschlossen, er hatte alle notwendigen Vorbereitungen für die Feiertage getroffen, und von daher hätte er ausschlafen können.

Doch irgendetwas hatte ihn geweckt. Er war auf dem Rücken liegend aufgewacht, so wie er sich am Abend zuvor ins Bett gelegt hatte. Er hatte geblinzelt und an die Zimmerdecke gestarrt. Das spärliche Licht, welches durch das große Fenster des Schlafzimmers hereinfiel war unstet, weshalb er nach draußen schaute. Das heißt, er hatte es gewollt. Doch die weißen Flocken tanzten derart wirld durcheinander, das er kaum einen Meter weit aus dem Fenster sehen konnte. Er sah dem Treiben eine kleine Weile zu, dann richtete er seinen Blick auf den Wecker auf dem Nachttisch. Null Uhr und fünf Minuten.

Ein leises Geräuch vom Fenster her lies ihn unter seiner Decke zusammenzucken. Ein Klicken, wie es ein kleiner Kieselstein wohl verursachen würde. In den Filmen hörte es sich jedenfalls immer so an. Da, noch einmal: Klick. Und ein drittes Mal. Er stand auf und stellte sich an die Scheibe und wartete auf das nächste Klick, doch nichts. Er wollte sich eigentlich schon abwenden als er eine Bewegung in den grauen Schlieren und Wirbeln draußen wahrnahm, nicht einmal zwei Meter draußen vor dem Glas. Eigentlich war das unmöglich, denn das Schlafzimmer lag im ersten Stock und der nächste Baum war gut und gerne 15 Meter entfernt. Dennoch schaute er weiter nach draußen und versuchte Dinge zu erkennen die gar nicht da sein konnten.

Es schien ihm, als käme da jemand auf ihn zu, und ein leichtes Unbehagen breitete sich in ihm aus. Da verdichteten sich die Schneflocken zu einer deutlich erkennbaren Gestalt. Erst nur die Umrisse, eine Frau, der Kleidung nach, denn Sie schien ein langes Kleid zu tragen. Die Schneefrau, er lächelte bei dieser Formulierung, kam näher und bewegte dabei ihren rechten Arm, als fordere Sie ihn auf, herauszutreten. Dann bildeten sich immer mehr Details heraus, die Finger, die Halspartie und schließlich die Gesichtszüge. Als er das Gesicht erkannte, schrie er laut auf! Es war das Gesicht seiner Frau! Seiner Frau, die nun bereits seit drei Jahren tot war.

Er schrie noch immer, als seine Frau... die Schneefrau... Gestalt... von einem Moment zum Anderen wieder nur noch wild im Wind wirbelnde Flocken war.

Nachtwanderung

Rums-bumms. Es krachte zweimal, als der Wagen unter der geschlossenen Schneedecke ein Straßenloch gefunden hatte. Beinahe hätte er das Steuer verrissen. Ein Blick auf das Navigationsgerät zeigt ihm nur noch "Suche Satteliten". Er sollte sich wohl besser auf die Straße konzentrieren, dachte er bei sich, statt über diese Nacht nachzugrübeln, sonst würde er womöglich den Weg verlieren und sich verfahren. Es war ein guter Vorsatz; und es war einer, der auch so richtig gut zum neuen Jahr passen würde, denn auch dieser hier hatte nur kurze Zeit Bestand und seine Gedanken wanderten zurück.

Als er auf die Uhr schaute waren es kurz nach sechs Uhr Morgens am Heilgabend. Morgens am Heiligabend, wiederholte er gedanklich in einem Anfall von obskurem Humor. Er hatte sich an seine Frau erinnert, an die Zeit mit ihr, wie er es jeden Morgen tat. Seine Bekannten und Freunde hatten irgendwann Versuche gestartet ihn zu verkuppeln, und sie hatten - die Sinnlosigkeit begreifend - irgendwann wieder damit aufgehört. Er nahm einmal mehr das Bild zur Hand und betrachtete Ihre Züge, das Weiß Ihrer Haut, noch betont durch das tiefschwarze wogende Haar. Und Ihre strahlenden grünen Augen!

Seit sechs Stunden war er nun wach, hatte Tee und alle Möglichkeiten sich zu beruhigen, die er kannte, bis auf die eine ausgeschöpft. Also zog er sich winterfest an, denn noch immer schneite es heftig, und trat hinaus. Ein kurzer Rundgang ums Haus brachte ihn auch nicht weiter, also ging er auf die Straße hinaus. Er nahm nur am Rande wahr, in welche Richtung sein Weg denn eigentlich führte. Letztlich hatte er auch kaum eine Wahl, denn immer wieder versperrten ihm große Schneehaufen oder andere Hindernisse den Weg, und es gab nur eine Möglichkeit weiterzukommen. Es war still, unglaublich still. Selbst der Wind, der die Flocken eins ums andere mal peitschte, war unter seiner Kaputze nicht zu hören. Und andere Meschen begegneten ihm um diese frühe Stunde auch nicht.

Er kam an dem einen oder anderen Schaufenster vorbei, doch sie waren und blieben dunkel. Bis auf das eine. Plötzlich drang Licht durch das Glas, ein Monitor war plötzlich angegangen. Mehr durch die Überraschung als durch eigenen Willen blieb er stehen und schaute zu dem Gerät hin. Die Werbung wiederholte sich bereits das erste Mal, als er begriff was hier angeboten wurde, die Leuchtreklame des Reisebüros war nach wie vor ausgeschaltet und so bei diesem Wetter kaum zu erkennen. Eine leidlich abgelegene Holzhütte in Schnee-sicherem Waldgebiet wurde als "last minute"-Angebot angepriesen. Mit Strom, fließend Wasser aus einem frostsicheren Tiefbrunnen, sogar Internetzugang für den eigenen Computer sollte es geben. Dann der Link, über den man reservieren konnte. Es war das einzige Angebot, das der Monitor zeigte, in endloser geduldiger Wiederholung immer die gleichen Bilder. Geradezu hypnotisch. Dann, aus einem Impuls heraus, den er sich selber nicht erklären konnte, zückte er sein "smart phone", gab den Link in den Browser ein und bereits 2 Minuten später hatte er die Hütte gebucht. Ganz exklusiv, für sich alleine, ab sofort und für volle 2 Wochen.

Noch über sich selbst überrascht stand er urplötzlich wieder im Dunkeln. Der Monitor war ausgegangen, und der Mechanismus, der ihn vorhin wohl hatte aktiv werden lassen, als er vor dem Schaufenster herging, mochte es nun nicht mehr tun. Egal. Er hatte nun urplötzlich ein Ziel für die Feiertage. Von ferne hörte er acht Schläge einer Glocke; acht Uhr. Zielstrebig und mit schnellen festen Schritten kerhrte er um, er hatte zu packen.

Dreimal

Wieder riss ihn der Wagen aus seiner Gedankenwelt zurück in die Gegenwart. Diesmal hatte das Auto rapide an Geschwindigkeit verloren. Und weil er nicht rechtzeitig reagiert hatte steckte er nun mit laufendem Motor in einer Schneewehe. Bis zum Fenster hoch ragte der Schnee und hatte sich in einer dicken Schicht auf der Motorhaube breit gemacht. Eher wütend auf sich selber als besorgt legte er den Rückwärtsgang ein, lies die Kupplung kommen und gab soviel Gas wie der Wagen gerne haben wollte, um diese Aufgabe zu bewältigen. Und wie der Verkäufer es seinerzeit für solche Gelegenheiten versprochen hatte, rollte das Fahrzeug erst stetig rückwärts aus der Wehe heraus und kurz darauf geradezu munter daran vorbei. Bisher war der permanente Allradantrieb nie gefordert worden, jetzt aber bereitete es ihm auf unerwartete Weise Freude, dieses Hindernis so leicht bewältigt zu haben.

Nur eine kurze Strecke weiter erreichte er den letzten Ort vor seinem Ziel, eine Stadt, die kaum genug Einwohner hatte um überhaupt die Stadrechte zu erhalten. Wie es sich gehörte, waren die wenigen Geschäfte alle links und rechts der durch den Ort führenden Straße aufgereit. Er fand einen Parkplatz nicht weit von dem Kramladen entfernt, in dem er noch einige Dinge für seinen Aufenhalt in dieser schon winterlich-rauhen Umgebung erwerben wollte.

Er stieg aus, schloss seine Jacke und zog die Kaputze über den Kopf. Die Gegend war Schnee-sicher, eindeutig, und zum Beweis schneite es dicke Flocken. Er ging den Bürgersteig entlang, vorsichtig den Blick halb nach vorne und halb zu Boden gerichtet. Es war deutlich zu erkennen, das die Fusswege geräumt wurden, doch das letzte Mal lag lange genug zurück, das sich bereits wieder einige Zentimeter Schnee angesammelt hatten.Trotzdem beeilte er sich, denn das Tageslicht neigte sich bereits langsam seinem Ende entgegen, und er wollte gerne den Rest davon für die Fahrt nutzen.

Der Laden war alt, das bemerkte er sofort, als er eintrat. Die Regale waren aus Holz, schwer und massiv und hatten allesamt bereits ein Stück weit den Weg vom dunklen Braun zum Schwarz hin zurückgelegt. Auf dem Boden standen mehrere große Flechtkörbe, die, nicht selbst für den Verkauf bestimmt, unterschiedliche Waren zusammenhielten, die er auf die Schnelle nicht zu identifizieren mochte. Außer den drei ältesten Frauen denen er wohl in seinem ganzen Leben begegnen mochte und die sich tratschend langsam in den Gängen zwischen den Regalen bewegten, war er der einzige Kunde. Er ging zur Theke, direkt auf den mit einem Kittel bekleideten Mann dahinter zu, der ihm sicher helfen konnte. Er täuschte sich nicht. Er brauchte nur zu erwähnen, das er aus der Großstadt kam und eine Hütte angemietet hatte, da fragte der Mann, der sich als freundlich, redselig und obendrein als Ladenbesitzer herausstellte, ihn zielgerichtet nach den notwendigen Dingen ab, die zu dieser Jahreszeit wichtig werden mochten. Was fehlte, landete erst auf einer Liste, wurde dann vom Ladenbesitzer in stabilen Kartons verstaut und neben der Tür aufgestapelt..

Während der Inhaber derart beschäftigt war, sah er selber sich weiter in dem Laden um. Er stieg gerade eine, natürlich hölzerne, ausgetretene Stufe hoch, die in einen weiteren Raum führte, als er es bemerkte. Stille. Oder zumindest beinahe. Der Tratsch war abgelöst worden durch Geflüster, kaum zu verstehen, doch das Wort Hexe wurde gleich mehrfach deutlich gezischt. Neugierig drehte er sich noch auf der Stufe um, erhaschte einen kurzen Blick auf die Frau, die nun vor der Theke stand und dort einen Zettel, wahrscheinlich eine Liste, ähnlich der seinigen, ablegte. Sie drehte den Kopf zu ihm und rotes Haar leuchtete ihm entgegen.

Im nächsten Moment rächte sich das Alter der Stufe und es zog im die Füße weg. Bumm! Ein tiefer, im Grunde angenehmer Klang, ertönte, als sein Gesäß zunächst auf dem alten Holz der Stufe aufschlug, dann folgte ein deutlich weniger beeindruckende Platsch, als er von der Stufe auf den Boden davor hinuntergerutscht war. Von der linken Seite schob sich etwas Dunkles, Schwarzes an ihn heran. Er blickte in die Richtung und sah einen wirklich riesigen Hund, der ihn anstarrte. Für einen kleinen Augenblick erinnerten ihn die Augen des Hundes an kleine, glühende Kohlestücke. Er kniff kurz die Augen zusammen, rieb sich mit der Hand darüber, öffnete sie wieder.

"Hallo.", sagte er zu dem Tier, das nun kaum eine Armeslänge entfernt vor ihm stand. Irgendwie beschlichen ihn Zweifel, das da könne wirklich ein Hund sein. Er verfolgte den Gedanken jedoch nicht weiter, denn in sein Blickfeld schob sich ein langer, schwerer, Nacht-farbener Mantel. Als er aufblickte schaute er in ein Gesicht, eingefasst von einer vollen, roten Mähne. Irgenwie vergass er zu blinzeln, etwas zu sagen oder in sonst einer Weise zu reagieren. Er bemerkte, wie sich der Ausdruck im Gesicht der Frau von abweisend über wütend nach nachdenklich änderte. Dann war Sie mitsamt dieses Tieres plötzlich weg, verschwunden, aus seinem Blick und aus dem Laden. Erst da hörte er die alten Frauen im Chor murmeln: "Dreimal. Dreimal wirst du niedersinken. Dreimal besiegelt dein Schicksal." Und er hörte die Alten das wiederholen, bis er schweigend den Laden verlies.

Glatteis

Konzentriert darauf mit den Paketen im Arm auf den Beinen zu bleiben, bemerkte er die Person erst, als er auf wenige Schritte heran war. Es schneite wieder wie verrückt, und der Wind wirbelte die Flocken in einem Tempo herum, das man sie auf ihren Bahnen nicht nachverfolgen konnte. Er schaute auf seine Pakete und drehte den Oberkörper ein wenig zur Seite, sodas sie einander auf dem Weg nicht anrempeln würden. Doch es kam niemand an ihm vorbei. Er schaute wieder nach vorne und dann sah er Sie. Ganz deutlich sah er Sie. Weiß wie der Schnee, aus dem Sie gemacht schien, sah ihm seine Frau entgegen, winkte ihm auffordernd zu, und ging in einen schmalen Fussweg zwischen zwei Gebäuden hinein.

Er rannte los, die Einkäufe noch immer in den Armen, die paar Meter waren schnell überbrückt. Schlitternd und sich an einer Gebäudeecke abstützend hastete er in die Gasse hinein und ... aufs Glatteis. Sofort verloren seine Füße den Halt, rutschten über eine erste Stufe, eine zweite, um sich dann in die Luft zu erheben. Der Physik gehorchend führte sein Oberkörper die entsprechende Gegenbewegung nach unten aus. Sein Steis knallte hart auf die überfrorene obere Stufe, während die Pakete sich unterdessen an einer eigenen Nummer in Luftakrobatik versuchten. Eine Sekunde später war ihm erstens klar, das die zweite Stufe ebenfalls überfroren war, und zweitens: genauso hart wie die Erste. Ohne Pause lies sein Gesäß auch die zweite Stufe zurück und schloss Bekanntschaft mit dem Pflaster des schmalen Weges.

"Aua!", entfuhr es ihm, und Tränen schossen ihm in die Augen. Und gleich wie eben im Laden schien etwas das Licht wegzunehmen und eine schwarze Hundenase stupste an die seine. So nah vor ihm fiel ihm nun erst auf, das diese Hundenase einen tiefen senkrechten Spalt aufwies. Wie seltsam. "Alles ok, danke.", richtete er sich ohne darüber nachzudenken an das Tier.

"Grmpf.", kam es von vorne. Natürlich stand da die Rothaarige vor ihm, sah, wie vorhin, auf ihn herunter, und wieder wollte es ihm nicht gelingen sich von Ihrem Anblick loszureißen und etwas Vernünftiges von sich zu geben. Und wieder betrachtete er eine merkwürdige Abfolge von Gefühlen auf Ihrem Gesicht. Leichtes genervt sein, dann Verwunderung, während Sie eine Hand gegen einen Punkt hinter ihm ausstreckte, die Handinnenfläche wie zu einem "take five" aufgrichtet. Und schließlich Verblüffung oder Unglaube, er konnte es nicht genau sagen.

Er holte tief Luft! Er holte tief und keuchend Luft, denn er hatte unbewusst den Atem angehalten. Ein leiser Zungenschnalzer und beide, die wunderschöne Rothaarige und das schwarze Biest, kehrten ihm gleichzeitig den Rücken zu und waren einen Herzschlag später im wirbelnden Weiß verschwunden.

Schicksal

Mühselig rappelte er sich auf. Das Glatteis, dem er seinen Sturz dieses Mal zu verdanken hatte, tat sein Möglichstes ihn wieder zu sich herunter zu ziehen. Erst nachdem er sich mit einer Hand einen zusätzlichen Halt an einer der Hauswände verschafft hatte, gelang es ihm, seine Pakete an einem Fleck zu versammeln, wo er sie dann anschließend ohne weitere Gefahr aufnehmen konnte. Zum Wagen war es glücklicherweise ja nur ein kurzes Stück, er verstaute seine Erwerbungen im Kofferraum, dann klopfte er, so gut es eben ging, den Schnee von seiner Kleidung, setzte sich hinter das Steuer. Es war nicht mehr weit zur Hütte und so machte er sich, leise vor sich hin brummelnd, auf den letzten Abschnitt seiner Reise.

Am Ortsausgang schaute er noch einmal auf seine Navigationshilfe, mehr aus Gewohnheit denn das er sich eine Anzeige erhoffte. Und so war er von dem "Suche Satteliten" nicht enttäuscht. Er kam mit der altmodischen Karte auf Papier doch ganz gut zurecht. Er fuhr nun etwas langsamer als es möglich gewesen wäre, denn gleich musste er die Abzweigung des Zugangsweges zur Hütte erreichen. Seine Gedanken gingen indes wieder auf Wanderschaft. Nicht mehr zu dem Erlebnis der Nacht sondern zu roten Haaren, die ein fein gezeichnetes Gesicht umrahmten. Beinahe hätte er so die Abzweigung verpasst, doch ein Rums auf dem Dach im rechten Augenblick bewahrte ihn davor. Er dankte flüchtig dem Ast, der da seine Schneelast nach ihm geworfen hatte.

Nach dem Abbiegen waren es nur noch ein paar hundert Meter, dann sah er seine Hütte, wie er sie für sich nannte. Er entdeckte auch sofort einen geeigneten Stellplatz für den Wagen. Nach dem Stopp verklang das - ohnehin durch den vielen Schnee gedämpfte - Motorengeräuch gänzlich und es wurde still um ihn. Es war sehr still, nur die Geräusche die er selber mit dem Öffnen und Schließen der Autotür erzeugte und seiner Bewegungen vermochte er zu vernehmen. Dann machte es so plötzlich "Tschuk...Krrkk", das er zusammenzuckte. Das war ihm Ansporn genug sich endlich auf die Hütte zuzubewegen.

Es war eine Blockhütte, massive Stämme bildeten die Wände, und vor der Türe gab es eine etwas erhöhte Terasse, die sich über die ganze Seite hinzog. Drei aus halbierten Stämmen gefertigte Stufen führten bequem hinauf und direkt zur Türe. "Tschuk...Krrjakk". Ein weiteres Mal erschrak er, obwohl ihm das Gerüsch entfernt bekannt vorkam. Mit einem Schütteln seines ganzen Körpers versuchte er seine leichte Anspannung zu lösen und stieg langsam und vorsichtig die drei Stufen hinauf. Sein verlängerter Rücken wollte keine weiteren stürmischen Bekanntschaften schließen.

"Knirch, knirch, ...", machte es da hinter ihm. Hastig drehte er sich um und es kam wie es kommen musste. Seine Füße fanden alleine den Weg über alle drei Stufen hinunter. Sein Gesäß nahm mit einem vollen "Bumm" erst einmal auf intensive Art Kontakt mit dem Holz auf. Dann folgte es mit zwei leiseren "Tuff" den vorauseilenden Füßen ganz nach unten. Seine Hände fanden endlich etwas Halt an den Seiten, so das er zum Stillstand kam. Erst dann nahm er den dunklen Schatten direkt vor sich und den rötlichen Schimmer dahinter wahr.

Grüne Augen in einem von rotem Haar umfluteten Gesicht blitzen ihn an. Sein Herz schlug plötzlich heftig in seiner Brust. Sie! Dann nahm er den Zorn in ihrem Gesicht wahr, die zusammengekniffenen Lippen zusammen mit der halb vor Ihrer Brust erhobenen Axt liesen keine Zweifel übrig: Sie war ungeheuer wütend. Sie trat einen weiteren knirschenden Schritt auf ihn zu und nahm das Mordinstrument noch ein wenig höher. Er versuchte etwas zu sagen, und er war sich sicher, das sich sein Mund bewegte, dennoch brachte er keinen Ton hervor.

Silbern im Mondlicht glitzernde Eispartikel sammelten sich da plötzlich, wie in einem Mini-Tornado gefangen, gleich neben der Rothaarigen. So schnell, das sein Verstand es kaum mitbekan, bildete sich erst das Gesicht seiner verstorbenen Frau und dann der restliche Körper aus dem Weiß. Ein Schluchzen entrang sich ihm und die Tränen liefen über seine Wangen hinunter. Die Rothaarige hingegen ließ fast achtlos die Axt zu Boden gleiten, hob einen Arm und streckte die Hand mit derselben Geste, die er in der Gasse breits gesehen hatte, vorsichtig in Richtung der Scheegestalt. Und diese antwortete tatsächlich mit der gleichen Geste. Und dann berührten sich die Handflächen der beiden Frauen.

Nach einer kleinen Weile drehten beide Frauen ihre Gesichter zu ihm und schauten zu ihm hinunter. Sie lächelten ihn an. Da war ihm, als hätte die Zeit sich eine kleine Pause gegönnt, denn alle Bewegungen des immer weiter wirbelnden Schnees schienen unmöglich langsam. Dann wischte eine breite und sehr feuchte Zuge gleich mehrfach durch sein Gesicht. Er hörte ein befreites Lachen und als er den Hund endlich ein klein wenig beiseite geschoben hatte, sah er gerade noch das langsam verblassende Gesicht und ein Winken zum Abschied.

"Dreimal besiegelt dein Schicksal.", so hatten es die alten Weiber gemurmelt. Und in diesem Augenblick war er mit seinem Schicksal durchaus zufrieden, den das Schicksal bewies seinen Sinn für Humor und lies den Rotschopf straucheln und ihm lachend in die Arme fallen.

Ende

Widmung

Für meine beste Freundin, die sich eine Geschichte mit Schnee am Heiligabend und einem Mann gewünscht hat. ;-))